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Sonntag, 24.09.

Pünktliche Abfahrt der 26 Teilnehmer um 07:30 Uhr vom Busbahnhof Komödienstraße aus; ohne Stau über Paris nach Tours, Ankunft vor dem „Ibis“ bei strömendem Regen gegen 17:30. Zur Einführung in die Thematik hörten wir zwischen Paris und Tours geistliche und weltliche Musik aus dem 15./16. Jahrhundert ( G. Machaut, G. Dufay, C. Jannequin und John Dowland ).

Abends um 19:30 Uhr gemeinsames Dîner in der traditionsreichen Brasserie „Univers“ gegenüber dem Rathaus.

Montag, 25.09.

Abfahrt 08:30 Uhr Loire abwärts in Richtung Villandry, Zwischenstopp in Savonnières, um den Anblick des Cher zu genießen, der hier sanft und geruhsam dahinfließt, ein Musterbeispiel für die eindringlich schönen Flusslandschaften der Touraine. In Villandry die Besichtigung und Begehung einer architektonisch bis ins letzte Kräutlein durchgestalteten Gartenanlage, wie sie nur die kunstsinnige Renaissance hervorbringen konnte: Harmonische Geometrie der Formen, lebendige Korrespondenz zwischen Nutz- und Ziergärten, Ästhetik des Symbolischen (die Pflanzenfigurationen der Liebe, sei sie „flüchtig“, „tragisch“ oder gar „toll“) – eine Kulturlandschaft, in der das Vertrauen in die schöpferischen Kräfte des menschlichen Geistes im Einklang mit der wohltätigen Natur bildhaft zum Ausdruck kommt.

So eingestimmt, waren wir bestens vorbereitet auf den Besuch des Châteaus von Azay-le-Rideau, das, so Balzac in seinem Roman Die Lilie im Tal, „wie ein geschliffener Diamant, von dem Indre eingefasst, auf von Blumen verdeckten Pfählen liegt“. In der Tat auch heute noch ein Schlösschen von größter Faszination, an dem sich das spezifisch Französische der Renaissancearchitektur der Loireschlösser beispielhaft ablesen lässt: die Verwandlung der alten wehrhaften Formen des Festungsbaus in spielerische Ornamente, so wenn zum Beispiel „Pechnasen“ zu dekorativen Mauernäschen werden und ein finsterer mittelalterlicher Festungsgraben zu einem spiegelnden See.

Nach der Mittagspause um 14:30 Uhr bei leichtem Regen (zum letzten Mal!) Weiterfahrt nach Saché zu jenem Landsitz, wo Honoré de Balzac seinen Roman Die Lilie im Tal geschrieben hat. Das Schlösschen beherbergt heute ein Balzacmuseum. Das oben genannte Tal ist das des Indre, und Balzacs Liebeserklärung an seine Heimat, wir genossen sie durch einen exquisiten Lektürevortrag unserer französischen Mitreisenden Michèle Azran und Hélène Taris, ein Gast aus Paris.

Gegen Abend auf dem Rückweg nach Tours die Besichtigung des Schlosses von Langeais, jener nur etwa 30 Jahre vor den Italienfeldzügen der französischen Könige erbauten und noch ganz und gar aus gotischem Geist und als Wehrfeste konzipierten wuchtigen Burg mit 270! Pechnasen. Und dennoch fand hier 1491 mit mittelalterlichem Pomp die Heirat der Anne de Bretagne mit Karl VIII. statt, jenem König, der drei Jahre später mit seinem Heer in Neapel erscheint und sich nicht genug satt sehen kann an dem, was die Gestaltungskräfte der Renaissance ihm in Italien bieten.

 

Dienstag, 26.09.

Morgens ab 10:00 Uhr eine ausführliche, sehr engagiert geleitete Führung durch Tours unter kunsthistorischen und geschichtlichen Schwerpunkten. Flanierend von der Kathedrale aus und den Resten der römischen Gründung „Caesarodonum“ im Osten, gelangten wir in lebendigem Gedankenaustausch mit der Führerin gegen Mittag im Westen zum Pilgerstättenzentrum Sankt Martin und zur restaurierten Altstadt an der „Place Plumereau“, nicht ohne der Kennerin von Tours den einen oder anderen kulinarischen Hinweis entlockt zu haben, der uns für den freien Nachmittag und die kommenden Abende Wege wies.

 

Mittwoch, 27.09.

Um 08:30 Uhr Abfahrt zum Château de Chenonceau, das nach aller Erfahrung so früh wie möglich am Tag besucht werden sollte, um Gedränge zu vermeiden. Es gelang uns, kurz nach Öffnung von Schloss und Park einzutreffen und, wohlversorgt durch im Bus vermittelte Informationen zur Entstehung und Geschichte des „Château des Dames“, unsere Besichtigung in Einzelgruppen zu genießen. Natürlich erkannten wir nun schon auf Anhieb die stilistischen Besonderheiten der Renaissancearchitektur – die gerade Treppe etwa – aber was uns wohl am meisten beeindruckte, war, wie dieses Juwel in die Kulturlandschaft rings umher hineinkomponiert worden war, welch Schönheitssinn nicht nur von den Erbauern, sondern auch von den späteren Besitzern, vor allem aber Besitzerinnen, also der strahlenden Diana von Poitiers und der Katharina von Medici sich hier verwirklicht hatte. Das galt nun insbesondere auch für die Gartenkunst, und so nahmen wir am Ende der Besichtigung - und als der erwartete Besucherstrom das Schloss eng werden ließ - kunstsinnig im beschaulichen Gartenparterre der Katharina Platz und lauschten den Rezitationen von Michèle Azran, die uns Gedichte von Ronsard und Du Bellay vortrug und uns über die Dichtergruppe der Pléiade und die wegweisende Sprachpolitik des großen François I informierte.

Unser zweites Morgen-Schloss war das von Amboise, wo sich Hochgotik im Flamboyant-Stil mit Formen der Frührenaissance begegnen, ein Schloss in Aufbruchstimmung, hoch über der Loire gelegen, mit einem herrlichen Blick über Stadt und Land, dabei sehr geschichtsträchtig: Hier starb unter dramatischen Umständen Karl VIII., von hier aus regierten Ludwig XII. und Franz I., hier begannen um 1560 die blutigen Religionskriege – aber hier in der Nähe lebte und wirkte auch der große Leonardo da Vinci bis zu seinem Tode, und hier ist er begraben.

Den Nachmittag verbrachten wir beim Viticulteur Jean-Claude Aubert in Vouvray, wo wir mitten in der Weinlese ankamen, aber dennoch überaus freundlich und fachmännisch durch die Höhlenkeller geführt und bei der Weinprobe beraten wurden.

 

Donnerstag, 28.09.

Zum Abschluss unserer Reise standen die Groß-Schlösser von Blois und Chambord auf dem Programm. Die Erläuterungen zum Schlosskomplex von Blois übernahm ein junger Führer, der sehr differenziert die kunstgeschichtlichen und historischen Zusammenhänge darlegte, so besonders die Ermordung des Herzogs von Guise im Jahr 1588. Wir hatten Gelegenheit, unsere Kenntnisse zu überprüfen, er freute sich über unsere ungeteilte Aufmerksamkeit. Mit Blick auf das Edikt von Nantes Heinrichs IV. wurde uns klar, wie sehr die Aufbruchstimmung der Frührenaissance (wir hatten den enthusiastischen Rabelais mit seinem Vertrauen in die vernunftgeleitete Natur des Menschen noch im Ohr ) mittlerweile am Ende des 16. Jahrhunderts dahingeschwunden war. Geplante Zitate aus den Essais von Michel de Montaigne erübrigten sich.

Schließlich Chambord: das Gesamtkunstwerk, das Franz I. sich erbauen ließ, ein Gehäuse mit 440 Räumen, 83 Treppen, 360 Kaminen, im Zentrum eine doppelte Wendeltreppe, als Jagdschloss geplant, von den französischen Königen jedoch kaum benutzt – Höhepunkt eines Kunstwillens, der eine aufs Nützliche ausgerichtete Architektur märchenhaft übersteigt und Zeugnis ablegt für die Endphase der französischen Renaissance. Mit Blick auf dieses phantastische Schloss öffneten wir ein paar Flaschen des am Vortag erstandenen Vouvray und ließen seinen Erbauer hochleben. Salut François Ier !

Das verlockende Angebot des Prospekts, im nächtlichen Park dem Liebesröhren der Hirsche zu lauschen (L’intimité du brame, durée 2 h), konnten wir leider nicht wahrnehmen, denn als Abschluss der Reise war ein Schluss-Dîner in Blois vorgesehen, eine kulinarisch vorzügliche Alternative.

 

Freitag, 29.09.

Rückfahrt ohne Stau und Zwischenfälle mit ein wenig Renaissancemusik - wohlbehaltene Ankunft in der Gegenwart um 17:30 Uhr in der Komödienstraße..

 

Rainer Ehlert und Hans Josef Hummes, Reiseleiter