Die Einladung sagte

"Es geht um die Gemälde und Grafiken der Altersperiode, die gekennzeichnet ist durch ein besonders kreatives und sinnliches Auf-bäumen gegen das Diktat der ausrinnenden Zeit. In den Gemälden zeigt sich eine immense Energie und Intensität, die als Wildheit er-scheinen mag; die Grafiken sind eher akribisch gearbeitet. Gemeinsam ist beiden die auffallende erotische Färbung, in den Gemälden ein Schrei nach Leben, in den Grafiken mit einiger Selbstironie verbunden, freundlich spöttelnd lässt sich das als „Gerotik“ beschreiben. Die Thematik ist wunderbar gewählt: wie ein Vulkan bricht das Genie ein letztes Mal dramatisch an die Ober-Fläche."

Das Glück bescherte uns in Frau Rosen eine besonders gute Führerin. Die Genialität, aber auch die Wildheit und die bizarren Anteile der Werke kamen nicht allein zum Ausdruck, sondern auch das Bild des alternden Mannes bis hin zu seiner Konfrontation mit dem Tod. Das war bereits bewegend, doch wusste Frau Rosen auch immer wieder rote Fäden durch das über 90jährige Leben Picassos zu ziehen. So der Einfluss des befreundeten aber immer auch anderen, auch mal konträren Matisse. So die Durchgängigkeit einiger Merkmale der Kunstrevolution von 1907 (Les Demoiselles d’Avignon), die der Revolution in der neuen Physik ganz eng nachfolgte: hier Doppel-perspektive, Zeitrelativität (Gleichzeitigkeit des Nacheinander), Verlaufen von Grenzen - - dort Doppelcharakter des Lichts, Relativität, bald darauf Unbestimmtheit und Verschränkung. Wir erlebten im Zeitraffer ein Jahrhundert Kulturgeschichte am Beispiel dieses großen Künstlers ... dabei fast ein Jahrhundert dieses erstaunlichen Menschen! Eine Variante des „Age of Extremes“ (Hobbesbawm).

Das gute Altbier im Altstadtschiffchen brachte uns ins Hier und Jetzt zurück.

Haye Roth