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04.03.10 Stammtisch thématique: Theodor von Neuhoff PDF  | Drucken |

Baron Theodor von Neuhoff, in der Kettengasse in Köln geboren, wird 1736 erster und einziger König von Korsika.

Wenn man im Urlaub auf Korsika verweilt, kann man nicht umhin, sich auch mit der wechselvollen Geschichte dieser Insel zu beschäftigen. Dabei stößtman  im Reiseführer  auf eine merkwürdige Figur,  auf Theodor Stephan Freiherr von Neuhoff, den ersten und einzigen König Korsikas, auch der „Sommerkönig von Korsika“ genannt. In Calvi, in der kleinen „Bibliothèque pour tous“, konnte die Bibliothekarin außer einer Erwähnung des Namens kein Material finden und meinte: „Les Corses ne se sont jamais intérèssés à un roi...“ In einer Buchhandlung gab mir die Buchhändlerin aus dem Regal der Neuerscheinungen spontan das Buch:„Les mille et une vies de Théodore, roi de Corse“, von Jean-Claude Rogliano,

gerade erschienen im Frühjahr 2009. Es handelt sich um einen über 400 Seiten umfassenden historischen Roman über den König von Korsika, Theodor I., ein historischer Roman zwar, aber in den geschichtlichen Details gut recherchiert.

Wer war nun dieser Baron, der wahrscheinlich oder vielleicht am 25. August 1694 geboren wurde und am 11.Dezember 1756  in London nach Jahren im Gefängnis völlig mittellos im Armenviertel von Soho starb?

Theodor von Neuhoff wurde als Sohn des Offiziers Leopold von Neuhoff  und seiner französischen Frau Amélie 1694 geboren, wahrscheinlich in der Kettengasse in Köln, wo Verwandte einen Hof gehabt haben sollen. Die Kettengasse liegt zwischen Ehrenstraße und Benesisstraße, von der Pfeilstraße biegt man links ab in die Kettengasse.

Nach dem frühen Tod seines Vaters wuchs Theodor  auf  der Burg Pungelscheid auf, einer mittelalterlichen Burg im heutigen Werdohl in Westfalen, am Rande des Ebbegebirges im Sauerland.Einige Mauerreste sind heute wohl noch zu sehen. Theodors Mutter schickte ihn auf die Jesuitenkollegien von Münster und Köln.

Rhetorisch begabt, mit viel Sprachtalent ausgestattet ( er spricht sieben Sprachen) vermittelt ihn der Liebhaber seiner Mutter als Page an die Schwägerin Ludwigs XIV., Lieselotte von der Pfalz, der Herzogin von Orléans. Am leichtlebigen Hof des Herzogs von Orléans freundet sich Théodore mit dem Marquis von Courcillon an und dient einige Zeit in seinem Regiment. Er macht Schulden und Lieselotte von der Pfalz hält es für ratsam, ihn eine Weile aus Paris zu entfernen und empfiehlt ihn an den Kurfürsten Max II. Emanuel von Bayern.

1714 tritt Neuhoff als Rittmeister in die kurbayerische Armee ein. Er kommt auch nach München an den Hof der Kurfürstin und nimmt sein verschwenderisches Leben wieder auf. Er verliert  hohe Beträge im Glücksspiel und macht wieder Schulden. Lieselotte von der Pfalz wendet sich schließlich von ihm ab.

Ihn rettet  nur noch die Flucht vor der Verhaftung und er wird Geheimdiplomat in schwedischen Diensten. Er genießt das volle Vertrauen des schwedischen Königs Karl XII. und ist als dessen inoffizieller Außenminister nie verlegen, neue Intrigen zu spinnen. Nach weiteren Irrungen und Wirren, Spekulationen und Glücksspielen  heiratet Neuhoff schließlich eine reiche englische Dame am spanischen Hof, deren Geld er dann aber wieder verspielt.

Wieder kann er sich nur Flucht retten und führt ein unstetes Wanderleben.  Während des  Spionagedienstes für den  österreichischen Kayser verschlägt es ihn  1732 nach Italien. In Livorno hört er zum ersten Mal vom Kampf der Korsen gegen die sie beherrschenden Genueser. In Livorno lernt er auch die Anführer des korsischen Befreiungskampfes kennen, die den redegewandten Mann mit den vermeintlich besten Kontakten zu den Höfen Europas als Hoffnungsträger sehen.

Im Jahr 1732 nimmt  der  zwielichtiger Baron von Neuhoff Kontakt mit den korsischen Freiheitskämpfern auf. Der österreichische Kayser unterstütze gerade mehr halbherzig die Genuesen, die Führer der Korsen waren gerade nach Genua verschleppt worden. Theodor gelingt es, ihre Freilassung zu erwirken und erringt dadurch soviel Ansehen bei den Exil-Korsen, dass sie ihn bitten, ihren Aufstand für die Unabhängigkeit Korsikas anzuführen. Sie bieten ihm den Königstitel an, falls er genügend Unterstützung organisieren kann.

 

Was ist das für ein Mann, dem es immer wieder gelingt seine Umgebung zu blenden?

Im Roman „Les mille et une vies de Théodore, roi de Corse «  wird er so beschrieben : (S. 74)

« Homme de paille , diplomate ou espion,…, Il vivait toujours au-dessus de ses moyens, … la passion des cartes le dévorait, ..Dans son appartement, dont il avait changé les meubles et les tapisseries pour une décoration plus luxueuse encore, il lui arrivait de dépenser ses derniers écus pour donner des soirées somptueuses…Son art à manier le verbe et à jongler avec les sophismes faisait de lui un personnage évanescent , aussi séducteur que sulfureux … Il était poursuivi par les souvenirs de l’existence étriquée  de jeune noble vivant au-dessous de son rang et souvent au-dessus de ses moyens »

Theodor will König von Korsika werden und reist in den folgenden Jahren quer durch Europa und ums Mittelmeer, um Geld und Waffen zu sammeln. Es gelingt ihm ein englisches Schiff auszurüsten mit dem er am 12. März 1736 in Aléria, im Osten der Insel landet, er selbst phantastisch ausgestattet in einer halb-orientalischen Uniform.

Im historischen Roman von Rogliono wird er bei seiner Ankunft so beschrieben:

„...(S. 230) La longue perruque à l’anglaise et la canne à bec de corbin des petits maîtres francais…., lépée à l’espagnole…, les vastes bords retournés du chapeau à l’allemande et les traces d’usure du manteau écarlate dénoncaient  l’aventurier…., une robe à la turque et des babouches »

Eine merkwürdige Flagge weht vom Schiff: ein schwarzer Afrikaner auf weißem Grund ist zu sehen , im Profil,  mit einer weißen Augenbinde, nicht über den Augen, sondern oberhalb um die Stirn gebunden, bis heute noch Symbol des korsischen Freiheitskampfes, die Bedeutung ist umstritten. Eine Deutung ist, dass der korsische Patriot Paoli das Tuch von den Augen bis in die Stirn dicht unter die Locken geschoben habe und damit den Unfreien zum Freien gemacht habe. Die Flagge stammt ursprünglich aus dem 15. Jahrhundert, wurde durch Theodor dann erst bekannt.

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Am 15. April  1736 nun wird Theodor Baron von Neuhoff zum König von Korsika gekrönt, statt mit einer Krone allerdings mit einem schlichten Lorbeerkranz.

Théodor I. schafft die Zölle ab, vereinfacht das Steuersystem, lässt Münzen prägen, gründet eine kleine Armee und setzt eine Verfassung in Kraft. Sein Wunsch, die Situation der Bauern zu bessern, stößt beim Adel auf Misstrauen, die Kassen leeren sich rapide, der zunächst erfolgreiche Kampf gegen die Genueser scheitert. Die Korsen untereinander zerstreiten sich, Theodors Leben ist ständig bedroht. So beschließt er, am 11.November 1736 Korsika wieder zu verlassen. Die Genuesen haben ein Kopfgeld auf ihn angesetzt, Mordanschläge werden versucht, eine Propagandakampagne wird gegen ihn in Gang gesetzt.

Theodor kann zwar 1737 Kaufleute in Amsterdam für sich gewinnen, die ihn mit Mitteln für eine neue Expedition ausstatten (Waffen gegen Landesprodukte wie Olivenöl), aber vor Korsika angekommen, lässt er das Schiff entladen, hat aber Angst selbst an Land zu gehen.  Auch ein weiterer Versuch ,1738 sich Korsika zu nähern scheitert. Frankreich duldet kein unabhängiges Korsika vor seiner Küste, unterstützt deshalb die Ansprüche Genuas, 1738 wird Korsika wieder unterworfen.

1741 versucht Theodor ein letztes Mal eine neue Expedition mit dem geheimen Einverständnis des englischen Außenministers auszurichten, die Engländer waren aber zu keinem offiziellen Eingreifen bereit und Theodor wird ausgewiesen.

In London konnten die Genueser 1749 seine Verhaftung erreichen, er landet im Schuldturm, bleibt dort bis 1756, 3 Tage nach seiner Freilassung stirbt Theodor am 11.Dezember 1756.  

 

Gudrun Bießmann

 


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